(Eine Erzählung aus dem Jahr 1987)
Ich bin 1891 geboren. Meine Eltern hatten vierzehn Kinder und einen Bauernhof mit 22 Kühen im Stall, zwei Pferde und außerdem einen Steinbruch. Ich musste von Kindheit an fleißig mithelfen.
Als mein Bruder zum Militärdienst eingezogen wurde, musste ich noch drei Jahre lang den Knecht ersetzen: frühmorgens die Pferde füttern und striegeln, dann einspannen und mit dem Pritschenwagen zum Steinbruch fahren und die schweren kantigen Felsbrocken mit bloßen Händen allein aufladen. Und ab ging es mit dem Pferdefuhrwerk dahin, wo an Straßen und Wegen die Steine abgeladen wurden, wo sie Steinklopfer mit ihren Hämmern zerkleinerten. Jeden Tag waren drei solcher Fuhren zu bewältigen, und das das ganze Jahr über.
„Ja, i han schaffa miaßa wie a Mannsbild und war bloß so a grengr Hering mit ma Zentner. I han nex von meiner Jugend ghet“.
Mit meinen Pferden Max und Liese hatte ich Freundschaft geschlossen. Sie folgten mir aufs Wort und ich war stolz auf sie. Sogar in der Schmiede beim Beschlagen schaffte ich es mühelos, den beiden Ackergäulen die Beine zu heben, bis das Eisen aufgezogen war. An den Sonntagen hatte ich Zeit, die Hufe zu reinigen und einzufetten, ebenso das Geschirr, Halfter und Leitseil.
Ich trug das ganze Jahr dieselben Arbeitsstiefel und brauchte auch keine Handschuhe. Kalte Füße und Hände gab es bei der Schwerarbeit nicht. Bei Regenwetter band ich mir einfach einen Schal oder ein Tuch über den Kopf.
Dass ich heute mit 96 Jahren noch munter bin, verdanke ich meiner vielen Arbeit bei bescheidenem Essen.

Kommentar schreiben
Fraukografie (Freitag, 14 November 2025 09:32)
Ja, da möchte man auf keinen Fall tauschen.
So manch einer (sogar sehr viele) müssten mal, ohne dass sie es verhindern können, eine Zeitreise machen und eine Zeit lang in einer solchen Zeit leben und arbeiten müssen ... die wären wohl bekehrt, wenn sie wiederkämen und würden dann vielleicht wesentlich weniger meckern. ;-)
LG Frauke
C Stern (Freitag, 14 November 2025 17:00)
Schwerst war so ein entbehrungsreiches Leben und viele haben es ohne großes Klagen hingenommen. Es gab keinen arbeitsfreien Tag und auch kein Kranksein, und wenn ein Kind geboren wurde, musste die Frau gleich wieder aufs Feld oder in den Stall.
Ich habe mal eine Autobiografie gelesen, die auch verfilmt wurde, "Herbstmilch".
Liebe Grüße, C Stern
Eva (Montag, 17 November 2025 06:19)
Hallo und guten Morgen,
ja, ich kenne so ein Leben. Ich bin auf dem Bauernhof meiner Oma groß geworden. Meine Oma Amalie ist 1884 geboren und mußte auch als kleines Kind auf dem Hof ihrer Eltern mitarbeiten. Sie liebte einen Juden den Levi aus Lehrensteinsfeld.
Das war zu dieser Zeit undenkbar einen Juden zu heiraten und dann kam mein Opa der wesentlich älter war als sie und man brachte sie unter die Haube.
Meine Oma war nie so richtig glücklich und die hat gearbeitet. Ich weiß was das heisst. Auch die Nachbarin das "Marile" hatte 7 Kinder und einen Bauernhof, keine Hilfe. Das "Marile" war klein und zierlich und ich wundere mich heute noch wie die so arbeiten konnte. Ins Krankenhaus bei einer Geburt? Aber nein, sie hat bis zur Geburt weitergearbeitet und nach zwei Tagen war sie wieder bei der Arbeit.
Alle haben den Krieg und sogar den 1. Weltkrieg mitgemacht, die Weimarer Republik , viele auch Flucht und Vertreibung. Ein schweres Leben, aber die wurden alle sehr alt.
Wenn wir heute einen Krieg, Hungersnot usw. hätten, unsere Handyjugend und auch die vielen anderen, die ständig jammern, wegen soooo viel Arbeit, die würde alles zusammenknicken.
Aber vielleicht stehen wir bald vor einem Krieg und vor einer weltweiten Wirtschaftskrise, alles deutet ja darauf hin.
Herbstmilch war ein Film von Josef Vilsmaier und das Buch von Anna Wimschneider. Mich hat das Buch sehr beeindruckt und es zeigt, was viele durchmachen haben müssen. Auch die Kinder von "Marile", den Webers mußten hart mitarbeiten. Die hatten auch kein schönes Leben. Ich kann mich an die Marianne erinnern, die mußte in einem hochwohlgeborenen Haushalt in Stuttgart arbeiten und wurde dort nur ausgenutzt. Ich könnte hier auch ein Buch schreiben. Über da alles, was ich hier erlebt habe.
Freizeit, Urlaub usw., wie bitte, das gabs nicht. Uns geht es viel zu gut, das sollte man alles mal durchmachen. Ich wünsche es nicht, aber ich denke, es kommt wieder und ich hoffe, dass ich das nicht erleben muß.
Grüße Eva